Das Gebäude in der Katharinenstraße 35 in Stuttgart hat eine bewegte und vielschichtige Geschichte, die eng mit den Schicksalen seiner Besitzer und den historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verbunden ist.
Die Grundlage und die koschere Fleischerei
Das Gebäude wurde 1870 vom Architekten Gustav Steinhausen im Stil des Spätklassizismus errichtet. 1892 übernahmen es Ernestine und Eduard Leiter von den Eltern Eduard Leiters und betrieben im Erdgeschoss nahezu vier Jahrzehnte lang eine Metzgerei.
Deportation und Tragödie
In den Jahren der nationalsozialistischen Repression nahm das Schicksal der Eigentümer ein tragisches Ende. Im August 1942 wurden Ernestine und Eduard Leiter zunächst in das Lager Theresienstadt deportiert, danach verliert sich ihre Spur. Es wird angenommen, dass sie im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden.
Stadtarchiv Stuttgart 101 FN 250 109 A 5
Fotografie vor dem Hintergrund der Tragödie
Nur drei Tage nach der Deportation der Familie Leiter fertigte Walter Kittel, ein Mitarbeiter des städtischen Planungsamtes, im Rahmen der Dokumentation des Stadtbildes eine Fotografie des Hauses an. Das Bild zeigt eine Alltagsszene: Jemand überquert die Straße, vor dem Haus steht eine Leiter, eine Frau ist zu sehen. Doch hinter der Fassade des gewohnten Lebens verbirgt sich eine kürzlich geschehene Tragödie, deren Zeugen viele Stuttgarter Bürger wurden – die massenhaften Deportationen der jüdischen Bevölkerung waren damals bereits traurige Realität.
Stolpersteine
Zum Gedenken an die Familie Leiter wurden vor dem Gebäude sog. „Stolpersteine“ verlegt – Gedenktafeln, die an die Opfer des Holocaust und an die Geschichte dieses Hauses erinnern sollen.
Neuanfang – Galerie Sichtbar
Seit 2018 ist das Gebäude das neue Zuhause der Galerie Sichtbar, eines Projekts des Caritasverbands Stuttgart. Heute werden hier Werke von Künstlerinnen und Künstlern mit besonderem Lebensweg ausgestellt; ihre Kunst wird so für ein breites Publikum sichtbar. Die Katharinenstraße 35 verbindet Vergangenheit und Gegenwart: Im Gedenken an die tragischen Ereignisse wird das Haus mit neuem Leben erfüllt und zu einem Ort für Kreativität, Akzeptanz und offenen Dialog.
Die Geschichte dieses Hauses ist ein Aufruf, die Vergangenheit nicht zu vergessen und die Einzigartigkeit jedes Menschen und sein Recht auf Selbstausdruck wertzuschätzen.
Quelle:
Dr. Günter Riederer: „Katharinenstraße 35 – Die Geschichte eines Hauses“.
Redebeitrag, Stadtarchiv Stuttgart.